Abschied nehmen

Loslassen – Nach dem Tod Abschied nehmen

Muss man wirklich Abschied nehmen?

Mit dem Tod eines Menschen wurde uns ein Stück unseres Selbsts entrissen. Wir leiden unter dem Vermissen und unser Leben ist niemals mehr wie zuvor. Trauernden Angehörigen sagt man oft:

  • Du musst loslassen.
  • Du musst Abschied nehmen.
  • Du musst akzeptieren.
  • Du kommt darüber hinweg.
  • Du darfst nicht länger vermissen.

Dinge, die wir nicht hören wollen. Dinge, die wir nicht fühlen wollen. Abschied nehmen nach dem Tod – das ist endgültig. Das heißt, etwas zu Ende zu bringen. Etwas für beendet erklären. Wollen wir das? Können wir? Müssen wir? Nein. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass Abschied nehmen und Loslassen Phrasen sind. Phrasen dafür, dass wir lernen müssen, uns in der neuen Situation zurecht zu finden. Uns mit diesem Schicksalsschlag zu arrangieren. Vielleicht auch, uns damit abzufinden. Ganz gleich, was wir tun und was wir hoffen – wir können nicht ändern, was passiert ist. Es hat uns niemand gefragt, ob wir stark genug sind, Sternenkinder zu haben. Wir wurden nicht gefragt, ob wir ohne Mann, Frau, Vater, Mutter, Bruder oder Schwester weiterleben können. Wir müssen es einfach – mehr oder weniger.

Abschied nehmen

Abschied nehmen – Die Angst des Vergessens?

Solange ich mich erinnern kann, fiel Abschied nehmen für mich unglaublich schwer. Jemanden zum Bahnhof zu bringen, ist für mich schlimm. Obwohl ich nicht nah am Wasser gebaut bin, kullerten die Tränen an meinen Wangen herab. Wie könnte ich da jemals Abschied nehmen von einem Menschen, den ich in den Tod entlassen muss? In den ersten Tagen des Todes von meinem Mann beschäftigte mich diese Frage enorm.

Was bedeutet dieses „Loslassen“ für mich, von dem alle redeten? Warum soll ich loslassen? Muss ich das überhaupt? Nein, ich will und werde es nicht tun. Mein Mann ist ein Teil von mir – das kann mir/uns selbst der Tod nicht nehmen. All die Erinnerungen, die intensive Verbundenheit, die großen Gefühle, die Liebe – wie könnte ich davon jemals Abschied nehmen und davon loslassen? Der Tod ändert nichts an alledem. Vor mehr als 20 Jahren hat dieser Mann mein Herz im Sturm erobert. Es folgten schöne, aber auch weniger schöne Jahre, die nicht alle leicht waren. Selbst diese Jahre zeigten, wie unerschütterbar unsere Liebe zueinander ist. Vielleicht waren es auch die weniger schönen Zeiten, die die wahre Größe unserer Liebe bewiesen. Obwohl so mancher Streit unsere Beziehung so manches Mal auf eine harte Probe stellten, gab es ebenso häufig die Zeit des Verzeihens. Das Neuentflammen der großen Gefühle. Das Aufeinanderzugehen. Später lachten wir über diesen und jenen Streit. Eine tiefe Verbundenheit – die unerschütterbar war.

Jene gemeinsamen Erinnerungen waren ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Liebe. Das, was wir zusammen erlebten. Das Gute, wie das Schlechte. Abschied nehmen und Loslassen würden für mich bedeuten, nicht mehr in diesen Erinnerungen zu schwelgen. Das Erlebte hinter mir zu lassen. Mich loszulösen vom Vermissen. Mich loszulösen von der tiefen Liebe, die ich empfinde und die mein Mann für mich empfand. Zu vergessen, was mehr als 20 Jahre lang Hoffnung, Bestätigung und Zuversicht gab. Mir wurde sehr schnell klar, dass ich dazu nicht bereit bin. Niemals bereit sein werde und es auch nicht sein will.

Loslassen – eine Selbstlüge?

Wenn man einen Menschen durch den Tod verloren hat, wird man ihn immer vermissen. Liebe endet nicht durch den Tod. Abschied nehmen und loslassen ist nicht nötig – nicht möglich. Wie soll man als Frau loslassen, wenn man täglich die gemeinsamen Kinder versorgt? Sie sind ein Teil des Mannes, ein Teil des verstorbenen Vaters. Wie kann man von Vater oder Mutter loslassen, wenn man ihn oder sie durch den Tod verloren hat? Wo man doch ein Teil von ihnen ist? Der geliebte Mensch bleibt Teil eines selbst. Loslassen käme einem Abschließen mit der Vergangenheit gleich. Ich glaube nicht daran, dass man von geliebten Menschen ablassen kann und sollte. Obwohl ich behaupte, nicht gläubig zu sein, glaube ich daran, dass nichts für immer ist. Schon gar nicht die Trennung durch den Tod. Wir Menschen sind vergänglich, aber ich habe die Hoffnung, dass es irgendetwas nach dem Tod gibt. Vielleicht ein Wiedersehen im Paradies? Niemand kann uns diese Frage beantworten. Doch zu glauben, dass es so kommt, die innere Gewissheit in sich zu tragen, dass es dieses Etwas nach dem Tod gibt, macht das Vermissen erträglich. Das Abschied nehmen wird zum Verabschieden auf Zeit. Wir sehen uns wieder. Bis dahin müssen, können und dürfen wir vermissen – aber unser Leben nicht in Trauer und Verzweiflung verlieren. Ein Stückweit muss man sich abfinden, dass man den geliebten Menschen nicht mehr tagtäglich sieht. Doch dies soll nicht heißen, dass unser Angehöriger nicht mehr bei uns ist. Zuhause denken wir jeden Tag an meinen Mann und den Vater meiner Kinder. Täglich reden wir über ihn. Was er wohl jetzt macht? Was er denkt, wenn er uns von „irgendwo“ zuschaut? Wie gerne er jetzt wohl mit und am Tisch sitzen und von seinem Lieblingsgericht essen würde? Täglich erinnern wir uns an die lustigen Dinge, die wir mit ihm zusammen erlebt haben. Lachen darüber und stellen uns vor, was er in dieser oder jenen Situation machen würde, wäre er so richtig bei uns. Das sind diese Momente, in denen wir nicht trauern. Die wertvollen Situationen, in denen wir spüren, dass er nicht einfach weg, sondern bei uns ist. Eigentlich ist dies genau das Gegenteil von Loslassen. Doch uns geht es damit gut. Selbst jene Augenblicke, in denen ich Wut empfinde, weil ich alleine bin, rede ich mit meinem Mann. Dann bekommt er zu hören, dass ich ihm ordentlich die Leviten lesen werde, wenn ich „da oben“ ankomme. Was fiel ihm denn auch ein, sich so früh zu verkrümeln, obwohl er „hier unten“ noch lange gebraucht worden wäre? Auf diesen Tag, möge er noch so lange dauern, freue ich mich.

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